Im Rahmen der Reihe «Stark im Alltag» war am 5. März der frühere Skirennfahrer Carlo Janka in der Bibliothek zu Gast.
Interview Gregor Szyndler
Der Ex-Skirennfahrer sprach über Weltmeistertitel (2009) und Olympia-Erfolge (2010), aber auch über Krisen und Rückschläge. Seit seinem Rücktritt vom Spitzensport 2022 arbeitet Janka als Coach. Im Buch «Durchbruch» (2024) berichtet er von seiner Karriere. Am Abend in der Gemeinde- und Schulbibliothek wurde ein spannender Gegensatz sichtbar: Hier der bescheidene, zurückhaltende Janka («Ich hätte noch vor ein paar Jahren unmöglich einen solchen Vortrag halten können.»). Auf der Leinwand in TV-Aufnahmen ein Athlet, den sie «Iceman» nannten, der schwierigste Pisten bezwang und den legendären SRF-Sportreporter Matthias Hüppi zum Ausflippen brachte. Janka gab dem BWB vor der Lesung ein Interview.
Binninger Wochenblatt: Wie sind Sie Coach geworden?
Carlo Janka: Das hat immer in mir geschlummert. Ich kannte alles, von ganz oben bis ganz unten, und das in kurzer Zeit. Da lag dieser Schritt nahe. Ich habe direkt nach meinem Rücktritt 2022 angefangen.
Was war die grösste Herausforderung bei den Coachings?
Abende wie dieser. So vor Leute hinzustehen, vorzutragen und zu lesen, das hätte ich noch vor ein paar Jahren nicht geschafft.
Was für Coachings bieten Sie an?
Gesundheit, Sport, Ernährung und Detox. Daneben veranstalten wir Skitage oder Lesungen.
Wer ist wir?
Meine Frau Jenny und ich. Wir machen das gemeinsam, haben auch das Buch gemeinsam herausgegeben.
Warum kommen Sie nach Binningen in die Bibliothek?
Nachdem das Buch im Oktober 2024 herauskam, haben wir alle Bibliotheken angeschrieben und gefragt, ob sie an einer Veranstaltung interessiert sind. Binningen war interessiert.
Haben Sie von Ihrer Familie früher auch mal gehört: «Ski fahren ist ja schön und gut, aber lern zuerst was Richtiges»?
Ja, absolut. «Mach zuerst eine Lehre», haben sie mir gesagt. Der schweizerische Sicherheitsgedanke halt. Also machte ich das Kaufmännische. Im Skisport kann es schneller fertig sein als erwartet. Zu wissen, dass ich das KV habe, hat mir aber auch am Ende meiner Karriere geholfen, ruhiger in den neuen Lebensabschnitt zu gehen.
Sie erwähnen in Ihrem Buch das Wort «Salami-Buddhist».Was ist das?
Jemand, der sich seinem Ziel in kleinen Schritten nähert. Der immer wieder ein Stücklein Salami – oder Gurke! – abschneidet. Der sich keinen künstlichen Stress macht, weil er das Gefühl hat, grosse Probleme auf einmal lösen zu müssen. Ein Salami-Buddhist geht «süüferli» und etappenweise vor, setzt sich Zwischenziele, um zum grossen Ziel zu kommen.
Sie sprechen in Ihrem Buch auch vom «Shit-Shirt». Was meinen Sie damit?
Wenn man ein T-Shirt geschenkt bekommt, das schlecht aussieht, man zieht es aber trotzdem an, um anderen eine Freude zu machen. Obwohl man weiss, es passt einem nicht. Im übertragenen Sinn ist ein Shit-Shirt etwas, das einem zugeschrieben wird und nicht gefällt – also nichts wie weg damit!
Was ist stressiger – mit 140 Stundenkiloemter einen gefrorenen Berg herunterzufahren oder zwei kleine, quengelnde Kinder, die einfach keine Ruhe geben wollen?
Jedes ist in seinem Bereich unterschiedlich stressig. Beides kann einen ganz schön auf die Palme bringen.
Wobei sind Sie ruhiger geblieben?
Meine Kinder haben mich schon noch einmal gelehrt, die Dinge anders anzuschauen.
Sie meinen, dass Sie gemerkt haben, dass Sie gar nicht so stressresistent sind, wie Sie dachten?
Ja. Aber das geht allen Eltern so, dass diese kleinen Lehrer einem dann schon zeigen, wo man Potenzial hat.
Wie kann das Stressbewältigungswerkzeug eines Spitzensportlers im Alltag helfen?
Stress betrifft alle Menschen. Die Mechanismen sind dieselben. Spitzensportler haben besonders viel Stress, aber es ist dasselbe wie im Berufs-, Familien- oder Sozialleben. Mir ist es wichtig, dass die Leute merken: Man kann etwas machen. Es kommt darauf an, wie man auf Stress reagiert. Darum geht es mir heute Abend – dass alle etwas für sich nach Hause nehmen und ein Bewusstsein entwickeln, wie man in der nächsten Stresssituation anders reagieren kann.
Im Buch ist ein Foto aus dem Teambus, auf dem Sie in Ihre tragbare Konsole vertieft sind. Wie wichtig war Ihre PlayStation Vita für die Karriere?
Da ging es um Ablenkung, darum, den Kopf zu lüften. Auf andere Gedanken zu kommen. Dafür eignen sich solche Sachen gut. Um nach den Rennen runterzukommen, aber auch, um mir bei der vielen Reiserei die Zeit zu vertreiben.

